Es ist der Kummer, der sich immer noch wie ein Schlag in den Magen anfühlt, jedes Mal, wenn er mich in einem unerwarteten Moment trifft, genauso frisch und schmerzhaft wie beim ersten Mal; die lächelnden Lügen und die inneren Bilder, die ich immer noch nicht abschütteln kann. Und die Scham, so naiv gewesen zu sein. Es ist die Einsamkeit, die sich viel schlimmer anfühlt, wenn man eine Weile nicht unter ihr gelitten hat. Und es ist auch das, was ich nie mehr wiederbekomme, denke ich und lächel nicht mehr. Für meine Unschuld.
Er weinte. Am düsteren Mittag dachte ich noch, für ihn sei das keine große Hürde, als ich ihm von meinen intimsten Gedanken erzählte. Von der Grausamkeit, die ich einst erfahren musste. "Ich muss eine Nacht drüber schlafen", sagte er und damit war's. Es war nicht böse gemeint. Doch nun, am späten Abend, weinte er und ich verstand die Welt nicht mehr. Ich zog ihn in meine Arme und er schluchzte in meine Halsbeuge hinein. Streichelte über seinen Nacken und hielt ihn fest. Ich hatte keine Ahnung, warum er so plötzlich weinte. Nichts war vorher geschehen. Wir lagen im Bett, eng umschlungen und hörten wundervolle Musik. Als er sich langsam beruhigte, fragte ich, was los sei. Die Antwort kam nicht sofort. "Es ist der Gedanke, dass dir so etwas wiederfahren musste und das wir vielleicht nie Kinder haben werden können"; daraufhin liefen die Tränen erneut. Ich schluckte. Mich traf es irgendwo im nirgendwo hart, aber ich verschloss den Schmerz. "Aber es ist doch nicht sicher. Ich habe es nur angedeutet. Es sind meine Ängste, die ich mir vielleicht einrede und maßlos übertreibe." Es half nicht. Etwas hatte sich in seinen Kopf gebrannt und ließ ihn nicht mehr los. "Eigentlich müsstest du weinen und nicht ich", sagte er, mit einem schwachen Versuch zu lächeln. Ich strich mit meinem Finger über seine Wange, beugte mich über ihn und flüsterte, "Das übernimmst du für mich. Ich habe zulange verdrängt, als das ich jetzt weinen könnte." Es war wieder so ein Moment, den ich nicht vergessen werde. Durch seinen Gefühlsausbruch fühlte ich mich unendlich schlecht. Er weinte wegen mir, durch mich. Ich machte ihn unglücklich, es war doch meine Last, nicht seine. Als seine Tränen versiegten, fing meine Mauer an zu bröckeln. Einige Tränen fanden ihren Weg aus meinen leeren Augen. Still und heimlich. Ich lag mit dem Gesicht zur Wand auf dem Bett, mit dem Rücken zu ihm. Er versuchte, mich an ihn zu ziehen. "Geht es dir nicht gut?", fragte er. Ich konnte nicht antworten, hätte mich mit meiner piepsigen Stimme verraten. Aber er merkte es trotzdem. "Lass mich dich jetzt trösten" und so zog er mich an sich ran. Zwang mich in seine Augen zu schauen. Fing eine Träne auf und schaute mich mit seinen teddybär braunen Augen an. "Du brauchst nicht so auf stark zu tun" und er war der Einzige, von dem ich diesen Satz hörte. Es war nicht richtig. Das wir beide Tränen verloren. Ich krallte mich an ihm fest, senkte den Kopf, lehnte mich an seinen starken Körper und überließ mich meiner Gedanken. Es ertönte der Klang seiner Stimme, ich nahm ihn kaum mehr wahr. "Ich will keine neuen Schnittwunden sehen. Und Suizid kommt auch nicht infrage." Ich fragte mich, wie er nun darauf kam. Von Suizid habe ich nie gesprochen, nicht mal im Ansatz. Und ich hatte ihn am Anfang unserer Beziehung vorgegaukelt, ich würde mich nicht mehr schneiden. Vielleicht..... nein. Aber um eines war ich sehr froh. Das er nun wusste, dass mir jede intimste Berührung Schmerzen bereitet und das er mir nicht wehtun will. Das es ihn nicht abschreckt, denn dies war meine Befürchtung. Sein Vertrauen in mich war bestärkt, denn ich hatte mich ihm ein wenig geöffnet.
Aber irgendwas hatte mich an diesem Abend sehr hart getroffen. In den jetzigen Tagen verfolgen mich Albträume. Ich spüre eine Leere in mir, die so eisig ist, wie der Winter, der auf uns zukommt. Verspüre jeden Morgen beim Aufwachen den Drang, mir tief ins Fleisch zu schneiden. Den Schmerz hinausfliessen lassen. Und ich kann nichts dagegen tun. Rein gar nichts.... Mir sind die Hände gebunden

gut geschrieben, sehr emotionsvoll. Sei stark, sei emotionsvoll, lass sie zu. darf man dich verlinken?
AntwortenLöschenHuhu :)
AntwortenLöschenTolles Blog ♥ Mir gefällt die Art wie du schreibst.
Folge dir mal :)