Sonntag, 4. März 2012

Sichtend, am Ende.


Was ich vermisse?, fragte ich mich, als ich keuchend und nach Luft schnappend auf meinem Bett lag. Den Blick zur Decke gerichtet, der kalte Rauch in der Luft, die Hände auf meinem glühenden Gesicht. Einen bestimmten Punkt anguckend, verschwand ich für eine Minute in die Vergangenheit. Erinnerungen stürmten auf mich ein. Ich begann zu frösteln, die Wut schoss hoch. Ich vermisse das Gefühl zu weinen. Während ich die Vorräte aller Taschentuchpackungen aufbrauche und nach etwas haltbarem suche um mich festzukrallen. Um nicht noch mehr zu verlieren. Wann konnte ich das letzte Mal alles herrauslassen, wann konnte ich ohne Hemmungen weinen, wann konnte ich die Berührungen anderer spüren, die mich für verrückt erklärten? Ein Jahr und drei Monate. Silvester. Das letzte Mal. Als alles zusammenstürzte und sie mich sogar ins Krankenhaus bringen wollten. Das letzte Mal. Weinen.

Ich spüre die Veränderung in mir deutlich. Es ist irgendwie erdrückender, schwieriger, zu überleben. Jeden Tag staut sich etwas Neues an den Klumpen ran. Meine Stimmung wechselt jetzt nicht mehr in Minuten, sondern in Sekunden. Und wenn ich kurz einen Moment der Freude empfinde, verschwindet sie so schnell wie sie gekommen ist, denn ich darf so etwas nicht empfinden. Ich verweigere es mir weiterhin. Während andere in der Schule unter der Woche jammern, jammere ich mit. Mit jedem Tag wo das Wochenende näher rückt, hören sie auf zu jammern, doch ich jammere weiter. Das ist der Unterschied. Selbst das Wochenende ist für mich eine Qual. Ich bin nicht fähig dazu, zu leben. Aber auch nicht zu sterben. Und so wandle ich als eine kleine unsichtbare Seele die Gänge entlang. Unter der Woche, in der Schule, in der Pause, flüchtend auf die Toilette, die Tür verriegelt, auf dem Klodeckel sitzend und jedes Mal frage ich mich das Gleiche: "Wann hört die Scheiße endlich auf?"


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