Donnerstag, 28. Juli 2016

Gefangen im Käfig

Ich war in der Klinik. Ich durfte Erfahrungen sammeln. Mit Hebammen, Ärzten und Therapeuten sprechen. Konnte eine tolle, mutige, starke Frau kennenlernen. Sie weiß es selbst nur noch nicht. Das Gleiche sagte sie über mich. Die Erinnerungen kann mir keiner nehmen und ich bin dankbar für alle schönen Momenten, die ich dort mit anderen Menschen machen konnte. Dort war keiner "nicht normal". Niemand hat dich schief angeschaut (ok, Ausnahmen gibt es) - wir alle haben ein gemeinsames Problem. Jeder sagte "Hallo" beim Vorbeigehen. Ich vermisse diese Freundlichkeit in der Außenwelt. Hier kann man sein "wahres Ich" nicht einfach so zeigen. Dort war es okay. Dort wurde ich tagtäglich dazu ermutigt - leider jedoch nicht von Ärzten und Therapeuten. Dafür habe ich den Sport lieben gelernt. 

Ich wurde dazu ermutigt, in der Außenwelt eine Therapie anzufangen. Sie sei dringend notwendig. Allerdings konnte man für mich keine passende Schublade bzw "Diagnose" finden. Ich habe mit meinem "außergewöhnlichen" Problem nirgendswo reingepasst. Nur die körperlichen Schmerzen haben einen Namen bekommen - die psychischen Schmerzen jedoch? Fehlanzeige. Ich hasse das. So außergewöhnlich ist es nicht, es ist nur nie in der Praxis aufgetaucht, daher haben die meisten Ärzte und Therapeuten keine Ahnung womit sie es zu tun haben. Mir wurde gesagt, ich dürfte in Kleingruppen nicht über mein Problem sprechen, da es andere Menschen traumatisieren würde. Es sei zu heftig, zu krass, zu schlimm. Aha. Für mich nicht, oder was? Dabei habe ich mir immer eingeredet, dass andere Menschen viel schlimmeres erlebt haben und mein Problem keinerlei Beachtung findet. Nur ne "Phase", wie es so schön heißt. Und dann sowas.... man kann sich vorstellen, wie begeistert ich war. 

Und ständig dieses "wenn Sie traurig sind, lenken Sie sich ab" Getue. Ist ja schön und gut, aber es gibt Menschen, die haben sich jahrelang abgelenkt und leiden genau deswegen darunter. Ich sagte auch mehrmals, dass ich hier bin um mich mal NICHT abzulenken, sondern um mich mit meinen Gefühlen zu konfrontieren. Jedesmal landete ich in der Sackgasse. Man verstand mich nicht. 

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Beispiel: Ich hielt in den 5 Wochen alle Termine auf meinem Plan ein, war immer anwesend und pünktlich. Der Großteil war zwar freiwillig, allerdings war Sport z.B für jeden Pflicht. Da durfte man auch nur mit Krankmeldung o.ä fehlen. Eines Tages hatte ich mal wieder meinen Termin bei meiner Bezugstherapeutin. Ich fragte sie um Rat, da ich in der Außenwelt Angst habe, an Tagen auszufallen wenn mich meine Gefühle überrollen. Das hat dann nämlich Konsequenzen und vor jedem Gefühlsausbruch stoppe ich mich in der Regel, da ich den Alltag noch im Kopf habe, den ich schaffen muss. Allerdings möchte ich meine Gefühle ja nicht mehr verdrängen, weil ich langsam daran kaputt gehe. Sie wusste sich keinen Rat. Sie sagte nur, dass es ja nicht so schlimm werden würde. Irgendwann hatte ich dann leider meinen ersten Gefühlsausbruch, den ich mir (erst nach gutem Zureden einer Freundin) erlaubte. Danach war ich wie in Watte gepackt. In Trance. Ich fühlte mich leblos und schlecht. Ich ließ Termine ausfallen. Alle. Selbst Sport. 

Am nächsten Tag rief mich meine Bezugstherapeutin zu ihr und fragte mich was los gewesen sei. Ich erzählte es ihr kurz und betonte dann noch, dass dies die Angst war, von der ich gesprochen hatte. Hier sind die Konsequenzen nicht so doll, aber in der Außenwelt ist es eine Katastrophe. Sie meinte daraufhin nur, dass das (hier!) nicht geht und ich versuchen soll, den Alltag zu meistern. JA! ABER WIE DENN?! Das war meine ursprüngliche Frage. Wie? Wie bekomme ich Gefühle + Alltag in den Griff, ohne diese Gefühle wieder wegzusperren? Es hat sich ja leider herausgestellt, dass wenn ich weiter meine Gefühle verdränge, diese sich körperlich in Form von Schmerzen und Panikattacken zeigen. Ich habe bis heute keine Antwort erhalten. 

 

Ich stehe wieder alleine da. Meine erste Schnupperstunde bei einer Therapeutin lief auch extrem scheiße. "Schocktherapie" - ganz simpel - keine große Sache. Erstmal die Vorgeschichte aufgezwirbelt. Um den heißen Brei herumgeredet. Ich bin nicht mehr zu ihr hingegangen. 
Und weitere Therapeutinnen habe ich bis jetzt auch nicht mehr angerufen. Ich habe einfach das Gefühl, dass mir keiner helfen, keiner mich verstehen kann. Ich würde am liebsten auf offener Straße zusammenbrechen, damit jeder mal sieht, wie es mir wirklich geht. Nämlich richtig scheiße. Ich habe Gedanken an den Tod. Das ist neu, die hatte ich seit Jahren nicht mehr. Ich kann nicht mehr. Überall im Alltag werde ich mit Schmerzen konfrontiert. Im Supermarkt, im Bahnhof, in der Berufsschule, im Zug, im Park - überall. Ich traue mich nicht mal anonym offen über mein Problem zu schreiben. Es ist zu beängstigend, zu schockierend, zu demütigend.....

In ein paar Wochen fange ich meine unterbrochene, schulische Ausbildung wieder an. Ich habe wahnsinnige Angst davor. Ich habe Angst, es nicht zu schaffen. Ich habe Angst, dass die Angst wiederkommt. Diese Angst, die mich lähmt. Ich habe Angst um meine Zukunft. Ich habe Angst, mich nicht genug um mich zu kümmern. Ich habe Angst zu scheitern. Ich habe Angst vor Menschen. Ich habe Angst vor Menschenmassen. Ich habe Angst vor den Schmerzen. Vorallem habe ich Angst vor mir selbst. Angst, abzurutschen. Angst, etwas dummes anzustellen. DIESE SCHEIß ANGST! 



Freitag, 15. April 2016

Ängste überwinden.

Am Dienstag fahr ich zur fremden Frauenärztin. Ich müsste eh' mal meine FA wechseln, seit 8 Jahren bin ich nun dort. Jeder dort kennt meine Geschichte und schweigt. Ich bin das Schweigen leid. Wieso fahre ich dann 100km zur einer anderen FA? Ich muss mich wahrscheinlich dort auch erklären. "Auf Empfehlung, für eine zweite Meinung" irgendwas in der Art. Ich habe ja nicht mal den Mut aufgebracht da anzurufen um mein Anliegen zu erklären, nein - das hat die nette Dame von der Beratungsstelle gemacht. Dafür bin ich echt dankbar. Alleine hätte ich das nicht geschafft. Meine Gedanken kreisen ständig um den Termin. Was für Fragen stelle ich? Wie fasse ich es zusammen? Was erhoffe ich mir? 

"Hey, wie kann man feststellen, ob ich (un)fruchtbar bin?" 

"Habe ich eine (körperliche) Erkrankung da ich seit 8 Jahren Schmerzen habe?"
"Gibt es einen medizinischen Zusammenhang?" 


Vor ein paar Tagen war ich wieder in der Beratungsstelle. Sie hat mir ein paar Tipps gegeben, dennoch bin ich so unsagbar aufgeregt! Auch wenn die Katze aus dem Sack ist, habe ich so doll Angst vor Abneigung/Ablehnung. Aber diesmal sollte es mir um einiges leichter fallen, die Sache auf den Punkt zu bringen. Die Überwindung war viel größer, als ich meinem Hausarzt und der Dame von der Beratungsstelle zum ersten Mal davon erzählen musste/sollte. Naja... wollte.. ich habe die Steine selbstständig ins Rollen gebracht. Niemand hat mich dazu gedrängt, niemand dazu gezwungen. Eigentlich traurig. Für Hilfe drängt/zwingt mich keiner, stattdessen aber für seelisches Leid. Bei diesem Punkt kommt wieder eine so unkontrollierte Wut in mir hoch - aber ich bleibe still. Ich habe keine Lust auf Fragen, auf das geheuchelte Interesse, auf die angebliche(!!!) Verwunderung. Das würde mich nur noch wütender machen. Ein "ich weiß" mit anschließendem Schweigen würde mich tatsächlich zufrieden stellen. Einfach, weil das zeigt, dass man ein schlechtes Gewissen hat! Aber das existiert nicht! Nichts davon! Obwohl ich allen VORHER gesagt habe, was das für seelische FOLGEN haben wird! Scheißegal. Drauf geschissen. Und TROTZDEM nehme ich Rücksicht auf DIESE Menschen. ICH FASS ES NICHT! Sie haben mein Leben ruiniert und ich bin noch NETT. UNGLAUBLICH! 
Was ist nur los mit mir, verdammt?! 

Ich habe das einfach zu lange verdrängt.. und jetzt wo sich etwas bewegt, kommt es wohl zum Vorschein. Ich muss hier raus, schnell.

Montag, 11. April 2016

Meine Schwester, - meine Familie.

Was will ich mit meinem Leben eigentlich erreichen? Das frage ich mich immer häufiger in letzter Zeit. Möchte ich mit meinem Freund zusammenziehen, ein Kind bekommen und vielleicht unser eigenes Haus bauen? Oder möchte ich mir mein eigenes, kleines Reich aufbauen, Städte und Länder erkunden, Sport betreiben, meine Ernährung umstellen und so sein, wie ich es mir ausmale? Es klingt beides verlockend, aber ersteres kann auch noch später kommen, glaube ich. Ich ziehe aus - in meine erste eigene Wohnung und mein Freund zieht ebenfalls in seine eigene Wohnung. Traumvorstellung, für uns beide. Hat lange gedauert (schon im ersten Jahr wollte er mit mir zusammenziehen), aber mittlerweile findet er die Idee von getrennten Wohnung auch gut. Ich habe Rückzugsmöglichkeiten, er auch. Selbst meine Schwester und ihre Freundin haben getrennte Wohnung - zwar im selben Haus (und ein toller Nebeneffekt), aber ok. Nur pennt meine Schwester fast nur bei ihrer Freundin und ihr eigenes Bett dient als Wäscheablage. 

Ich wäre gerne wie meine Schwester. Sie ist mein Vorbild in jeglicher Art und Weise. Wir haben, bis auf wenige Ausnahmen, die gleichen Interessen und Hobbys - fast schon denselben Beruf, den wir gerne ausüben. Zwischen uns liegen zwar 17 Jahre Altersunterschied, aber das Alter merkt man ihr gar nicht an. Ich fass' es nicht, dass sie dieses Jahr schon 40 wird. Für mich wird sie immer jung bleiben. Sie ist auch in den Klinikunterlagen als "nächste Angehörige, welche man im Notfall kontaktiert" eingetragen. Das hat ihr Herz erwärmt, als ich ihr dies mitteilte < 3
 

Sie ist liebevoll, immer für mich da, tröstet mich, muntert mich auf, nimmt mich in den Arm (und es fühlt sich nicht komisch an!), tanzt und geht mit mir feiern, betrinken uns an passenden Tagen im Kreise der Familie ihrer Freundin - ist Mutter, Schwester und beste Freundin. Ich wüsste gar nicht, was ich ohne sie machen würde. Sie hat mich ermutigt, doch in die Klinik zu gehen, den Arzt darauf anzusprechen. Sie hat mich motiviert eine Therapie zu machen. Sie akzeptiert meinen Freund und bietet unserer Mutter die Stirn. Sie beschützt mich vor allen bösen Menschen. Sie macht den Mund auf und lässt sich dies auch nicht verbieten. Sie unterstützt mich und möchte sogar zu meinem Umzug mit der ganzen Familie kommen. Alle wollen kommen. Sogar mit einem riesen LKW. Legen über 200 km zurück, nur um mir von A nach B zu helfen. Da sind mir fast vor Rührung und Dankbarkeit die Tränen gekommen. Es ist wie die lustige, heile, friedliche Familie die wir nie hatten. Allerdings ist es schon ein wenig traurig, dass die Mutter ihrer Freundin für sie mehr "Mama" ist, als unsere Mama. Aber auch ich bin der Herzensgüte verfallen, auch wenn alles noch ein wenig ungewohnt ist. Der Schwager ihrer Freundin ist fast wie ein Ersatz-Papa für mich. Er ist über 50 und hat eine 14-jährige Tochter. Wie er mit ihr umgeht, tut schon fast weh. Es ist gar nicht "peinlich", aber trotzdem herzerwärmend. Da wünsche ich mir einen anderen Vater. Einen richtigen Vater. Er knutscht mich immer ab, wenn wir uns sehen und umarmt mich, bis ich keine Luft mehr bekomme. Aber das tut dort eigentlich jeder. Immer wenn ich für ein paar Wochen zu Besuch bin, möchte ich eigentlich gar nicht mehr heim. Fehlt nur noch mein Freund und ich bleib da.

Mittwoch, 23. März 2016

Shhh... It's a secret.

Ich habe endlich Bescheid bekommen, dass mir 5 Wochen in einer psychosomatischen Klinik bewilligt wurden. Die Zeit kann natürlich nach Einschätzung der Ärzte verkürzt oder verlängert werden. Die Klinik ist ein bisschen weiter weg... aber das ist okay, denke ich. Wann es genau losgeht, weiß ich noch nicht, da muss ich noch auf eine Rückmeldung der Klinik warten. Ich bin ein bisschen aufgeregt. Angst habe ich. Eigentlich wollte ich seit meinem letzten Klinik Aufenthalt nie mehr einen Fuß in irgendeine Klinik setzen. Die schlechten Erfahrungen haben mich geprägt. Ich hoffe, dass ich mir nicht selbst überlassen werde und auch wirklich Hilfe bekomme.. jemanden, mit dem ich reden kann, wenn ich es brauche. Eigentlich glaube ich nicht, dass ich mein "Problem" in 5 Wochen loswerde, überhaupt zu lernen damit umzugehen. Ich befürchte schon, dass sie mich wegschicken werden, da sie mir so intensiv nicht helfen können. Es ist einfach zu tief in mir verankert.


Vielleicht werde ich ein Buch schreiben. In erster Linie um mir damit zu helfen. Vielleicht ist es als Begleitung für mich ganz hilfreich. Angefangen habe ich schon. Ich habe allerdings nach zwei Seiten wieder aufgehört, weil ich die auflebende Erinnerung bis zu einem gewissen Zeitpunkt nicht ertragen habe. Aber ich will es angehen und schaffen. In zweiter Linie um anderen Frauen zu helfen und sie evtl. mit meinen Worten zu erreichen. Egal, ob es dasselbe wie bei mir war oder in einer anderen Weise. Ich selber habe mir gewünscht solche Bücher über diese Thematik zu lesen - aber leider gibt es diese nicht. Nirgends. Es kann nicht angehen, dass so wichtige Themen einfach von der Gesellschaft isoliert werden. Gleichzeitig isolieren sich die betroffenen Menschen, denn es gibt noch zu viele Tabuthemen. Es wird geschwiegen, obwohl man lieber schreien möchte. Ich würde gerne die Menschen anschreien, welche mir dieses Leid angetan haben - aber ich schweige. Die Menschen, die mir dieses Leid angetan haben, schweigen auch.. tun so, als wäre nie etwas passiert. Sie verschließen die Augen vor der Wahrheit.
Obwohl das, was sie getan haben, schon ein wenig strafbar ist. Meine Mutter ist einer dieser Menschen und ich sehe sie jeden Tag. Sie schweigt, sie hat nie wieder ein Wort darüber verloren, mich nie gefragt, wie es mir damit geht, mich allein gelassen. Ich bin wütend, könnte heulen, schreiben, Dinge auf den Boden werfen, die Wohnung verwüsten um meiner Wut Ausdruck zu verleihen, ihr Vorwürfe ins Gesicht klatschen - aber ich schweige. Noch. Es ist nur eine Frage der Zeit und der Hilfe, die ich hoffentlich bald bekommen werde. 


Ich will ausziehen, ich muss ausziehen. Dafür brauche ich Hilfe, denn finanziell ist das nicht stemmbar für mich. Ich brauche Abstand zu meiner Mutter. Ich habe sie lieb, mir ist die Beziehung zueinander wichtig - aber so kann ich das nicht mehr. Wir entfremden uns schon, reden kaum noch und ich erzähle auch nichts mehr. Das war mal anders. Mir tut es auch leid, weil sie es merkt, aber ich kann nicht anders. Die Spannung ist zu angespannt. 

Und das Schlimmste ist, dass sie sich nie bei mir entschuldigt hat. Kein Anzeichen der Reue. Manchmal hasse ich sie dafür. Das sie zugelassen hat, dass ich deswegen so sehr leide. Das sie mein Leid wollte. Ich glaube, ich kann ihr das nie verzeihen. Selbst wenn ich lerne, damit umzugehen. Es ist einfach zu viel passiert.

Freitag, 18. März 2016

Neuanfang - irgendwann muss man aufhören zu schweigen, in vieler Hinsicht.


Wie oft musste ich mir das anhören? "Ist nur eine Phase, die geht vorbei"
Komisch ist, dass ich mich nach 8 Jahren immer noch in dieser Phase befinde.

In meinem Leben hat sich viel bewegt. Einiges ist positiv, anderes ist eben ein negativer Beigeschmack. Man muss einstecken können. Ich muss mich jetzt um meine Gesundheit kümmern. Vielleicht gehe ich sogar in eine Klinik. Vielleicht fange ich endlich eine Therapie an.
Mein Arzt weiß Bescheid, die Frau von der Beratungsstelle weiß Bescheid.
Ein bisschen bin ich schon auf mich stolz, dass ich diesen kleinen Schritt überwinden konnte. Nämlich das Schweigen brechen und offen, mit fremden Menschen von Gesicht zu Gesicht, über mein Problem reden. Es hat mich viel Zeit, Kraft und Mut gekostet. Denn es ist immer noch ein Tabuthema in der Gesellschaft. Ich konnte jahrlang nur mit mir selbst reden. Aber die Steine rollen. Das fühlt sich erleichternd an.

Das ich dafür vielleicht meine Zukunftspläne etwas nach hinten stellen muss, ist leider dieser negative Beigeschmack. Ich bin dauerhaft krankgeschrieben, musste meine schulische Ausbildung unterbrechen. Dabei wollte ich diese Ausbildung so sehr. Es fühlt sich trotzdem ein bisschen an, als hätte ich in dieser Hinsicht versagt. 

Posttraumatische Belastungsstörung mit Depressionen, sagten sie zu mir. Es ist schön, dass das ganze Übel nun einen Namen hat. Nicht. Es zeigt mir nur wieder mal, dass ich eine Quittung bekommen habe, um die ich nie gebeten habe. Mit der ich mich seit 8 Jahren rumschlage.
Wisst ihr was wirklich eine Lüge ist? "Die Zeit heilt alle Wunden"

Hätte ich noch länger geschwiegen, wären die Wunden noch nach 20 Jahren und länger so offen und frisch, wie zu dem Zeitpunkt, als sie mir hinzugefügt wurde. Ich hoffe, dass nun vielleicht jemand meine Wunden für immer heilen kann. Aber wahrscheinlich muss ich die Wunden selbst heilen. Es ist nicht die Zeit. Die Zeit ändert nichts. Aber ich muss mich nicht schämen, dass ich erst nach 8 Jahren den Mut fasse, etwas zu ändern. Man sagte mir, es gibt Menschen, die brauchen länger als ich. Das beruhigt mich ein bisschen. Vielleicht habe ich jahrelang auch versucht, mich selbst zu heilen. Einmal sagte jemand zu mir, ich müsse selbst auf den Trichter kommen und von heute auf morgen alles hinter mir lassen - da würden mir keine anderen Menschen bei helfen können. Ich habe mich elend gefühlt, weil es mir das Gefühl gab, es alleine nicht zu schaffen. Wie immer. Es trieb mich noch tiefer ins Elend. 

Was auch nicht viel bringt ist Selbstverletzung, Drogen oder Alkohol. Das kann ich hinterher sagen, nachdem ich seit Jahren nichts mehr davon angerührt habe. Jeder muss so seine Erfahrungen machen, da kann man keinem reinreden. Mir geht es dadurch aber nicht besser. Es ist sogar ein wenig schlimmer, wenn man nichts hat. Wenn man die Situation einfach nur ausharren muss. Die Frau von der Beratungsstelle sagt zwar, dass das zeigt wie viel Kraft ich habe, um einfach so damit aufzuhören, aber ich empfinde das nicht so. Vielleicht ist mein Selbstbild einfach noch zu sehr verdreht. Mir tut es aber gut, mit jemanden zu reden, wie mit der Frau von der Beratungsstelle. Auch wenn es nur 1x im Monat ist. Endlich jemand, der mich ernst und für voll nimmt, zuhört und die richtigen Fragen stellt. Jemand, der die Tatsachen offen auf den Tisch legt, damit ich es mir immer wieder vor Augen führe. Mir klar wird, was das alles bedeutet, weil ich jahrelang die Wahrheit verdrängt habe. Ich weiß noch nicht genau, was "Trauma" bedeutet, weil ich mich nie damit auseinander gesetzt habe. Also grob weiß ich es schon, nur eben nicht, was alles damit zusammenhängt. Wie viel Kraft, wie viel Zeit, wie viel Trauer... sowas eben. Ich werde es wohl nie ganz verarbeiten oder vergessen können. Das sagte ebenfalls die Frau von der Beratungsstelle. Das hört sich richtig fantastisch an! Warum soll ich mir dann überhaupt die Mühe machen? Ich weiß es eigentlich schon: Um den Alltag meistern zu können.
Denn das schaffe ich zurzeit gar nicht.

Seitdem ich nun mehrmals schon in der Beratungsstelle zum Gespräch war, kommen die verdrängten Bilder, Erinnerungen und Gefühle immer öfters wieder hoch.
Vor 8 Jahren, ließ ich ein halbes Jahr die Gefühle zu. Naja, sie ließen sich auch nicht stoppen, so heftig war es. Als ich merkte, dass es mich von innen nach außen zerreißt und mir keiner, wie versprochen, zu Hilfe eilt und man mich ganz allein meiner Traurigkeit, den Selbstmordgedanken, den Drogen & Alkohol, den Albträumen jede Nacht, dem Herzrasen, das Zittern, der Taubheit und der Tränen überlassen hat, verschloss ich mich und seitdem schweige ich. Ich sperrte die Erinnerung und Gefühle in die hinterste, dunkelste Kammer meines Unterbewusstseins und vernagelte die Tür. Trotzdem kam es ab und zu dazu, dass das Gewicht hinter der Tür zu stark war und die Tür einkrachte. Aber nur von kurzer Dauer, da ich mich und die Tür schnell wieder unter Kontrolle hatte. So ging es jahrelang weiter. Ich fühlte mich teilweise so, als würde das hinter der Tür zu einem ganz anderen Mädchen gehören und nicht zu mir. So weit hatte ich es geschafft.
Nun ist die Tür halboffen und nicht mehr vernagelt. Es fällt mir schwer. Die Träume kommen wieder, je öfter die Bilder und Gefühle hochkommen. Doch dieses Mal sind die Träume etwas sanfter zu mir. Ich stehe nicht mehr mit blutverschmierten Händen, einem weißen Kleid und nacktem Unterleib am Zaun. Die Tränen sind meiner Meinung ebenfalls zu oft zu Besuch in meinen Augen. Es wäre an der Zeit, die Tür wieder zu vernageln, aber es ist, als würde eine unsichtbare Kraft mich daran hindern. 


Daran merke ich, dass sich etwas ändert - nicht nur äußerlich.
Das Schweigen ist gebrochen.

Donnerstag, 8. Januar 2015

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Wir haben mal wieder Knatsch. Er regt mich einfach so sehr auf. Sein Verhalten mir gegenüber ist unangebracht. Die Vernunft sagt, ich soll gehen. Das Herz sagt, abwarten. Ich muss einfach auch klare Grenzen ziehen. Er kann nicht ständig mit mir umgehen, wie er will. Und dann bekomme ich noch die Vorwürfe zu hören! Ja neee.. is klar. 

Als wir uns vorhin am Telefon wieder angefeindet haben und er zum 12048403 Mal einfach aufgelegt hat, bin ich fast explodiert. Ich schrieb ihm daraufhin ganz klar, er soll mich einfach in Ruhe lassen. Wollte er anscheinend nicht hören/lesen. Er rief mich an, ich ging dran. Was ein Fehler! Er keifte mich an, machte mich zur Sau und wollte vergangenes besprechen. Ich aber nicht! "Du gehst mir auf den Sack!", sagte er. Ja, ich habe ihn nicht angerufen, sondern er mich! Ich sagte also nochmal, er soll mich verdammt nochmal in Ruhe lassen und habe aufgelegt. Was für eine Befriedigung, auch endlich mal aus heiterem Himmel das Gespräch zu beenden!
Für eine Weile herrschte Stille. Ich habe angefangen ein Buch zu lesen, konnte abschalten. Bis ich nach vier Stunden auf meinem Handy sah, dass er angerufen hatte. Was hab ich wieder geflucht! Kann der mich nicht mal völlig in Ruhe lassen. V-ö-l-l-i-g. Von mir aus auch ein bis zwei Tage! Ruhe! Ich habe keine Lust mehr ihm ständig hinterherzurennen, ohne das was zurückkommt. Dann, wenn er plötzlich merkt, mir ist etwas ernst, muss er unbedingt reden! Dabei ist er immer Gesprächen aus dem Weg gegangen, wenn ich reden wollte. Diesmal habe ich die Schnauze voll. Diesmal mache ich es genauso wie er. Mir ist es einfach scheiß egal. Als ich ihm vorhin schrieb, dass er mit mir nicht so umgehen kann, wie er will, meinte er nur: "Ich scheiß auf die Scheiße!". Ja gut, dann scheiße ich auch auf die Scheiße!

Jetzt sehe ich gerade, er hat mir eine gute Nacht geschrieben. Mit so einem deprimierten Smiley. Er hat wohl ein schlechtes Gewissen, der arme Mann. Ich habe kein Mitleid. Stattdessen bin ich darüber nur noch mehr sauer. Am liebsten würde ich jetzt schreiben "Hast du es nicht gecheckt?! Du sollst mich in Ruhe lassen, man!". Ich will gar nichts von ihm lesen. Nichts! Ich bin stinksauer und verdammt stur! Das kann auch schon mal Tage andauern. Ich scheiß halt drauf, genau wie er. Ich schreibe einfach nichts. Rein gaaaaar nichts. Nicht mal morgen. Er soll ruhig merken, was für eine Scheiße er fabriziert hat! Und das es mir egal ist, wenn er daraufhin explodiert und mir damit droht Schluß zu machen. Soll er doch! Auf die Kindergartenscheiße habe ich keine Lust mehr! Aber wenn es mir dann ernst ist, zieht er aufeinmal den Schwanz ein, will nicht das ich gehe und will schon wieder reden! Booooooooooooooooooooooooooah. Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie verdammt sauer, verletzt, und enttäuscht ich bin! Er soll mich einfach in Ruhe lassen. Basta.

Donnerstag, 17. Juli 2014

who i am

Ich sitze hier, mitten in der Nacht, meine Zigarette neigt sich dem Ende zu und ich starre auf den Bildschirm. Manchmal halte ich inne, lasse meine Finger über die Tastatur schweben und mache eine Pause. Ich überlege und lese mir gleichzeitig nochmal alles durch. In mir wird es still. Die tobenden Ratten neben mir blende ich aus. Nehme ich nur noch kaum wahr. Ich lausche dem Rauschen des Laptops und dem Senken der einzelnen Tasten, wenn ich die Buchstaben tippe, ohne auch nur einen Blick auf die Tastatur zu geben. Vielleicht erhoffe ich mir, irgendwas in mir wahrzunehmen. Ein Schrei, ein Gedanke, ein bisschen Schmerz, und das Gefühl der Leere, die sich langsam in mir ausbreitet, zu fühlen. Ich könnte tatsächlich den ganzen Tag nur im Bett liegen und schlafen. Schlafen, bis der Tag wieder vorbei ist. Aber wo führt das hin?

Meine To-Do Listen bringen mir rein gar nichts. Sie erinnern mich nur an das, was bevorsteht, und an den ewigen trostlosen Alltag. Wir sitzen hier auf unseren Ärschen und warten bis die Tage vorbei ziehen. Bis sich vielleicht etwas ändert.

Ich habe mich lange nicht mehr selbst verletzt. Über ein Jahr. Das ist mein Rekord und irgendwo auch ein Ziel. Die Narben auf meinen Armen verschwinden nicht. Sie erinnern mich an graue Regentage, an überkochte Emotionen und die Wut auf alles und jeden. Aber an solchen Tagen, wie gestern, heute oder morgen, kehrt der Druck wieder zurück. Ich möchte mich selbst verletzten, mir in die Haut schneiden, um... ja, um was eigentlich? Um irgendwas zu tun? Um ein Ventil zu haben? Oder ist das der Ausdruck meiner Tränen?

Ich kann nicht weinen. Ich will es auch gar nicht. Wenn ich weine, wird mir bewusst, wie scheiße es mir geht und das es kein Entrinnen gibt. Dieses Gefühl will ich nicht. Aber wenn ich mich verschließe und die Tränen, die hinter meinen Augen lauern, einfach hinunterschlucke, fühle ich mich auch nicht besser. Weil der Druck nur ansteigt. Ich weiß, ich werde mich nicht selbst verletzen. Aber ein Verlangen danach ist manchmal da. Weil es mein Ventil war. Und jetzt? Was habe ich nun für ein Ventil? Vielleicht wenn ich schreibe? Weil mir keiner zuhört? Und ich meine, wirklich zuhört.

Mein Kopf fühlt sich schwer an. Ich kreise ihn nun hin und her, weil die Last zu schwer ist. Mein Kopf ist voller Gedanken, zu vielen. Ich will schlafen. Das weiß ich. Schlafen, bis der morgige Tag vorbei ist. Egal ob die Sonne scheint oder es regnet. Mein Bett ist meine Zuflucht. Es trägt mich durch Träume, die mich vergessen lassen, was in der Realität so auf mich wartet. Ich glaube, dies ist nun mein Ventil. Nicht mehr das Selbstverletzen, sondern mein Bett und das ich stundenlang darin schlafe.