Er war mittlerweile eingeschlafen - in meinem Bett. Zwei Uhr nachts nahm ich eine Decke, zog mich nicht mal mehr aus und legte mich halb auf's Bett. Irgendwann schlief ich ein und wachte morgens um halb 7 wieder auf. Stand auf. Schlief in der Küche auf dem Stuhl ein. Um 8 legte ich mich auf's Sofa im Nebenzimmer. Mir war kalt. Mit seinem Shirt unter der Nase verfiel ich erneut in den Schlaf. Obwohl mir sehr nach weinen war, konnte ich es nicht. Ich selbst war kalt. Ich kannte mich nicht. Ich fing an zu träumen und hatte einen schönen Traum. Ich träumte davon mich wieder mit ihm zu vertragen, das doch noch alles gut wird - aber selbst im Traum spürte ich, dass ich das gerade nur träumte und aufkeinenfall in die harte Realität zurück wollte. Aufeinmal riss mich jedoch jemand aus meinem Traum - oder träumte ich? Ich spürte Hände, die nach mir griffen, die mich hochheben wollten, die es ohne Hilfe nicht schafften. Ich hielt mich an dem fremden Körper fest und wurde dann mit einem Ruck hochgehoben. Fühlte mich schweben. Erst als ich in meinem eigenen Bett landete, Arme mich hielten und ich mich an ihnen anschmiegte, wusste ich, dass er es war, der mich gerade von einem Zimmer in das andere getragen hatte. Ich wusste, es wird nie wieder so sein wie es mal war und ich schmiegte mich gerade zu lechzend und verzweifelt in diese warmen Arme. Erneut schlief ich ein.
Alles, was wir hatten ist nicht mehr da.
Da ist jetzt nur noch dieser Schmerz.
Da ist jetzt nur noch dieser Schmerz.
Als ich aufwachte lag ich noch immer neben ihm. Aber nicht mehr in seinen Armen. Traurig sammelte ich mich und schlich mich in die Küche. Meine Beine wollten mich nicht mehr tragen. Ich fühlte mich komplett ausgebrannt. Für mich war diese Beziehung beendet, nachdem er sie beendet hat und ich seine Worte vollkommen ernst nahm. Selbst er war eiskalt zu mir. Inzwischen waren wir beide wach. Meine Mutter kehrte zurück und war überglücklich, die Stelle bekommen zu haben um ihren Auszug damit finanzieren zu können. Wir dagegen waren am Boden zerstört. Wir redeten miteinander. Spekulierten über das Ende nach. Wie es dazu kommen konnte. Meine Vergangenheit ist es. Ich kann mich nicht Menschen gegenüber öffnen. Ich wirke eiskalt und habe Probleme, meine Gefühle zuzugeben. Selbst bei ihm. Ich verletze somit die Menschen, die mir eigentlich nur helfen wollen. Ich sah es ein und entschied mich für eine Therapie. Aber seiner Meinung, will er das nicht, er will, dass ich alleine etwas tu, um selber klarzukommen. Nur wie?
Wir gingen raus. Ich machte mich nicht einmal hübsch, sondern ging so hinaus, wie ich aufgewacht bin. Obwohl ich nicht mal ungeschminkt zum Mülleimer gehe. Es war mir eben alles egal. Es fühlte sich merkwürdig an neben ihm zu gehen, ohne seine Hand zu halten. Ich führte ihn zu meinem Lieblingsplatz, zu einer alten Burg. Wir setzen uns auf einen Steinblock. Merkwürdig neben ihm zu sitzen, ihn nicht zu umarmen oder gar zu küssen. Ein paarmal rutschte ihm "Schatz" raus, korrigierte sich danach aber sofort, manchmal aber merkte er es selbst nicht. Er sagte, dass er mich nach wie vor lieben würde und ich die Einzige und Letzte bleibe, mit der er sich eine Zukunft vorstellen könnte. Aber selbst Freundschaft käme nicht infrage. Wir alberten zwar für einige Momente herum wie Freunde, ich plückte ihm eine Tulpe, er zog mich zur Seite sobald Hundehaufen oder Glasscherben auf meiner Seite des Weges waren und wir unterhielten uns normal. Dennoch lag diese verzweifelte Sehnsucht nach dem anderen in der Luft. Er sagte, dass ich selbst ungeschminkt hübsch aussehe, obwohl ich mir selbst wie eine wandelnde Leiche vorkam. Er stand da, sagte dies und lächelte schüchtern. Mein eiskaltes Herz rutschte mir in die Hose bei diesem Anblick und ich versuchte sofort abzulenken.
Komm mir nicht zu nah. Sonst tu ich dir unabsichtlich weh.
Es wurde langsam kalt und wir gingen zurück. Zuhause angekommen, noch immer zu keinem endgültigen Entschluss gekommen was aus uns nun wird, kam ihm womöglich ein Gedankenblitz vom Tag vorher. Eine Wimper sei länger als die anderen und die muss weg. Als ich ins Zimmer ging, nahm er schon etwas von meiner Kommode, umschlang mich mit seinen Armen, zog mich aufs Bett und hielt meinen Kopf in seinem Schoss gefangen. Ich sah die Pinzette in seiner Hand und wollte schnellstmöglichst die Flucht ergreifen! Aber ziemlich unmöglich. Er wollte, dass ich ihm vertraute. Diese Wimper störte ihn nun, auch wenn ich sie selbst nicht sah. Er zählte ab, hielt die Wimper mit der Pinzette fest und bei "Drei" zog er sie raus. Ein kleiner Schmerz durchzog meine Augen und ich schmollte. Da war er, der Moment. Er küsste mich auf die Stirn. "Warum küss' ich dich überhaupt...", nuschelte er leise. Die Zeit blieb stehen. Er sah mich von oben herab an und fragte mich, was denn nun sei. Dann küsste er mich. Wir lehnten uns gleichzeitig an den anderen an und ich öffnete mich. Sagte ihm, dass ich nicht will das es so verbleibt, wir keine getrennten Wege gehen. Das ich ihn ganz will und nicht nur ein Stück, bezüglich der Freundschaftsfrage. Er mich nicht aufgeben darf. Wir verblieben so, wie es anfing: mit einem Kuss. Und das sollte die Antwort gewesen sein. Wir geben nicht auf. Wir sind bereit zu kämpfen. Um uns, um unsere Beziehung.
Dieser Moment ist es gewesen. Meine Augen sind klar nach vorne gerichtet. Ich habe verstanden, dass ich mit mir selbst klarkommen muss, um richtige zwischenmenschliche Beziehungen zu führen. Vorallem muss ich seine Hilfe annehmen, mich ihm öffnen. Meine Gefühle offenbaren. Und wir müssen reden. Es darf nichts tot geschwiegen werden. So auch die neuen Schnitte auf der Haut. Ich war ehrlich zu ihm. Auch wenn er es nicht versteht, bin ich froh, dass er dennoch bei mir bleibt. Außer ihm bleibt mir niemand. Meine Mutter vertreibt mich aus der Wohnung. Sie hat nun die finanziellen Mittel ihr eigenes kleines Reich zu finden und ich? "Such dir nen' Job", hieß es nur. Das werde ich tun. Selbst wenn ich Angst habe. Angst, es nicht allein zu schaffen. Angst, in der Einsamkeit unterzugehen. Ich werde von heute auf morgen endgültig gezwungen, auf einen Schlag erwachsen zu werden. Und hey, irgendwo haben sie alle Recht. Mit fast 20 Jahren sollte man reifer sein, als das, was ich bin. Trotzallem ist da diese Angst. Aber ich mache weiter...wie sonst auch.
Nur heute bin ich zu müde. Müde für alles. Nur heute. Ab morgen wird alles anders. Ich versprech's.